Die Glocke im Uni-Campus
Gedanken zu einem Leserbrief
Unter der Überschrift „Leipziger wären gern dabei gewesen“ wurde in der LVZ v. 03.09.2009 folgender Text – unterschrieben mit Ulrich Stötzner, Paulinerverein Leipzig – gedruckt:
„Die Glocke der Universitätskirche ist wieder da. Darüber sind wir froh und dankbar. Sie ist das erste gerettete originale Ausstattungsstück, das zurückkehrt. Altar, Kanzel und Epitaphien werden folgen. Normalerweise ist so etwas ein Fest. Die wiederkehrenden Glocken werden mit Blumen umkränzt. In Dresden standen Hunderttausende auf dem Neumarkt, als die Glocken der Frauenkirche kamen. Leipzig ist nicht Dresden. Hier ist die Glocke mit schwarzer Folie umhüllt und wird ohne öffentliche Vorankündigung hochgezogen. Tausende Leipziger und auch die Gäste der Stadt interessieren und engagieren sich seit Jahren für den Wiederaufbau unserer Universitätskirche. Sie hätten gerne zugesehen, wenn die Glocke auf den Turm schwebt.“
Hier trauert Herr Dr. Stötzner, Paulinerverein und Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“, einem entgangenen EVENT nach. Ich wollte mich nicht von gewissen Formulierungen in diesem Leserbrief irritieren lassen, sondern suchte nach einer Antwort auf die Frage: Wo war die Glocke nach 1969 und was haben die „Tausende Leipziger…“, von denen Herr Dr. Stötzner schreibt, in all den Jahren für die Glocke getan?
Für Antworten auf die Frage empfehle ich das 2006 im Michael Imhof Verlag, Petersberg/Hessen erschienene Buch:
Der Herausgeber ist Herr Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen, Kustos der Kunstsammlungen der Universität Leipzig. Auf den Seiten 46/47 heißt es: „Bereits am 13. Januar 1969 legt der Stadtrat für Kultur, Dr. Rudolf Gehrke, dem Rat der Stadt Leipzig eine entsprechende Konzeption vor…“. In dieser Konzeption wird u. a. vorgeschlagen, „…die Glocke der alten Universität wieder aufzuhängen“. Der Autor dieses Beitrags (Herr Dr. Günter Wartenberg†, Prof. f. Reformationsgeschichte und Territorialkirchengeschichte an der Universität Leipzig) bemängelt, dass es hätte heißen müssen „die Glocke vom Dachreiter der alten Dominikanerkirche“.
Auf Seite 28 wird das Bild der Übergabe des Neubaukomplexes im Universitätshof im August 1973 gezeigt. Die Herren stehen direkt unter der Glocke, die allerdings nicht im Bild ist. Nur der untere Teil des schmucklosen Beton-Klotzes, der als Glockenturm dient, ist zu sehen.
Das nächste Bild zeigt die Glocke (Quelle: Helmut Ullmann, Standortbestimmung, "Leipziger Blätter", Nr. 16/1990, Hrsg. Rat des Bezirkes Leipzig, Abt. Kultur).
Mehr als 30 Jahre hat diese kleine Glocke auf der balkonähnlichen Erhöhung in einem mehr als bescheidenem Turm gehangen – und das in aller Öffentlichkeit, ohne dass sich ein Schmierfink daran vergriffen hätte, auch kein dummer Studentenscherz traf in all den Jahren die Glocke. Nichts ist bekannt, dass sich Kirchenkreise irgendwann an diesem Ort versammelten oder sich anderweitig um die Glocke bemühten.
Architekt Arved Rossbach ließ bei der Umgestaltung des Universitätskomplexes (bis 1897), mit an-schließender Umgestaltung der Kirchen-Fassade, die Glocke aus dem Dachreiter entfernen. Der damals neu geschaffene Glockenturm (bewusst in der Form eines Campanile) ermöglichte es, dass die Glocke besser in die Höfe und Gebäude der Universität schallte. Der heutige Turm hat weniger diesen Zweck, denn er ist in erster Linie ein Fahrstuhl.
Es muss betont werden, dass diese Glocke auch in den Jahren vor 1945 längst nicht mehr eine „Ruferin zum Gebet“ war, sondern nur zu feierlichen Anlässen der Universität geläutet wurde.
Herrn Dr. Stötzners Leserbrief dient also nur ein weiteres Mal dem Paulinerverein und dem Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ dazu, die unwissende Öffentlichkeit in eine falsche Richtung zu leiten.
Ulrike Bär
05.03.2010
Nachdenken über Kirchen in Leipzig
Ein Angebot anlässlich des Tages der Städteführer am 21.Februar 2010 nutzend, ergab sich die Gelegenheit, eine Führung durch die Peterskirche, einschließlich Turmbesteigung, mitzumachen und viel über deren Geschichte im urbanen Umfeld zu erfahren.
Die Kirche am Leipziger Schletterplatz wurde als Ersatz für die abgerissene, ursprünglich in der Innenstadt stehende Peterskirche nach Plänen der Architekten August Hartel und Constantin Lipsius gebaut und am 27.12.1885 eingeweiht. Sie wird im „Stadtlexikon Leipzig von A bis Z“ (Horst Riedel / Verlag Pro Leipzig 2005) als der früheste und zugleich bedeutendste sakrale Großbau des Historismus in Leipzig beschrieben. Vorbild war die französische Kathedralgotik.
Weiter ist dort zu lesen: „…durch den Bombenangriff im Dezember 1943 beschädigt… bis 1961 mehrfach, aber unzureichend repariert…“
In den letzen Jahren kämpfte die Petersgemeinde um jede auch noch so kleine finanzielle Unterstützung zur Erhaltung dieses wertvollen Leipziger Bauwerks; für eine zügige Generalreparatur des Innenraums reicht es bis heute nicht.
Da kommt dem interessierten Zuhörer bei der Führung durch die Kirche schon manche Frage, die auch der beste Gästeführer nicht beantworten kann:
- Warum setzen sich die Damen und Herren, die sich mit ihren bekannten Namen und Titeln in der Stiftung, im Paulinerverein und ähnlichen Foren engagieren, nicht besser für die Erhaltung dieses bestehenden kirchlichen Kunstwerkes ein?
- Warum verwendet der gleiche Personenkreis seine Mittel nicht für ein weiteres kirchliches Baudenkmal, z. B. die Phillipuskirche in Leipzig-Lindenau?
Zur Phillipuskirche kann man im o. g. Stadtlexikon lesen: „…eine Kirche Sachsens, die das Wiesbadener Kirchenbauprogramm (1891) konsequent verwirklichte. …Die Kirche besitzt eine romantische Jehmlich-Orgel (1910).“
Ergänzend zum Lexikon-Text muss unterstrichen werden, dass deutschlandweit in nur wenigen Kirchen das Wiesbadener Kirchenbauprogramm so konsequent umgesetzt wurde wie in der Leipziger Phillipuskirche. Dazu kommt noch, dass dieses Bauwerk in Leipzig ein seltenes Beispiel für den Jugendstil darstellt.
Kein Stadtführer kann Gästen aber diese kirchenbauliche Besonderheit zeigen. Der schöne Bau wird nicht mehr als Kirche genutzt!
Nach der interessanten Führung durch die Peterskirche kommt man zu dem Schluss:
Die Peterskirche ist in ihrer Sanierungsbedürftigkeit und ständigen Geldnot nur ein weiteres Beispiel dafür, dass nicht alle Leipziger Christen bedingungslos hinter den Forderungen der „Pauliner“ stehen.
All den Damen und Herren, die als „Pauliner“ in Leipzig und über die Stadtgrenzen hinaus für ihre Sache wirken, geht es nicht um die Erhaltung bedeutender Leipziger Kirchenbauwerke. Die Ziele dieser Minderheit, mit „Stadtreparatur“ und „kulturellen Werten“ maskiert, sind offenbar politischer Art.
Ulrike Bär